Leuchtende Nachtwolken - NLC - Mitteleuropa - Noctilucent Clouds - Chronik - 1995

Leuchtende Nachtwolken 1995

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Jahresrückblick 1994 NLC-Chronik Jahresrückblick 1996

Leuchtende Nachtwolken in Mitteleuropa 1995

Das vom AKM betriebene Beobachtungsprogramm machte im Jahr 1995 weitere Fortschritte; gemäß einer Aufstellung von Sirko Molau nahmen 20 Personen teil, von denen 17 mindestens einmal erfolgreich waren. Insgesamt sind 59 Meldungen von Leuchtenden Nachtwolken bekannt geworden, was einem Schnitt von 1.9 Beobachtungen pro NLC-Nacht entspricht. Das Gros der Sichtungen kam erneut von Jürgen Rendtel aus Potsdam, der in 24 Nächten Leuchtende Nachtwolken notierte. Seinem unermüdlichen Einsatz ist es daher in erster Linie zu verdanken, dass 1995 in 31 Nächten NLCs aus Deutschland gemeldet wurden (Übersichtstabelle der Saison 1995). In den meisten Fällen handelte es sich um lichtschwache Displays (Helligkeit 1 oder 2); in den Nächten 08./09.06. und 08./09.07.1995 wurde immerhin eine Helligkeit 3 erreicht. Umso herausragender war ein "Outbreak" von NLCs im Zeitraum 28.06. - 02.07.1995, als zweimal die Helligkeit 4 erreicht und zum ersten Mal überhaupt Leuchtende Nachtwolken von Österreich aus nachgewiesen wurden (Ausführlicher Rückblick). Mit insgesamt 20 Beobachtungen aus 4 Nächten waren dies im deutschsprachigen Raum zum damaligen Zeitpunkt die am besten dokumentierten NLC-Displays.
Die NLC-Saison 1995 war mit 86 Tagen die längste überhaupt in Mitteleuropa und brachte auch die bis heute späteste Beobachtung (18. August); weltweit dauerte sie sogar vom 20.05. - 18.08.1995 (Gavine 2000). Die gesamte Saison ist in einer Aufstellung von Sirko Molau mustergültig dokumentiert; lediglich die Nacht 10./11.07.1995 haben wir aus einer anderen Quelle ergänzt (Rendtel 1995e).
Aus dem Jahr 1995 sind zwei allgemeine deutschsprachige Artikel zum Thema zu verzeichnen. Schlegel (1995) ging auf die damals noch nicht endgültig geklärten Zusammenhänge zwischen NLCs, PMCs und PMSEs ein und lieferte somit einen Überblick des aktuellen Forschungsstandes. Auch ein Beitrag von Kosalla in Sterne und Weltraum 6/1996 beschäftigte sich mit dem Forschungsstand, wobei insbesondere Ergebnisse eines nordamerikanischen Beobachter-Netzwerks diskutiert wurden. Mit der Behauptung, in Deutschland seien die Bedingungen zur Beobachtung von NLCs nicht besonders günstig, lag der Autor allerdings gründlich falsch ...

NLC-Beobachtungen in Mitteleuropa 1995
Abb. 1: NLC-Beobachtungen in Mitteleuropa 1995

Leuchtende Nachtwolken vom 28.06. - 02.07.1995

"Um etwa 0230 Uhr, die Dämmerung war schon wieder weit fortgeschritten und ein Arbeitstag stand bevor (einige Stunden Schlaf sollten es ja doch noch werden), wollte ich diese durchwachte Nacht mit einem letzten Blick zum heller werdenden Horizont abschließen. Die Überraschung war groß, als sich genau im Norden eine helle wolkenförmige Struktur abzuzeichnen begann. Im Feldstecher erkannte ich die typischen Formen einer Leuchtenden Nachtwolke (NLC): Bandförmige Streifen und wellenförmige Muster! "Meine" erste NLC, möglicherweise an der Südküste der Ostsee in über 500 km Entfernung! Die Helligkeit und die Ausdehnung der Erscheinung nahm in den folgenden 30 Minuten stark zu und wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis." Karl Kaiser
Wie bereits weiter oben erwähnt, fiel in die Zeit vom 28.06. - 02.07.1995 ein "Outbreak" von NLCs, welcher für die damalige Zeit als sehr gut dokumentiert gelten kann. Die letzten beiden der 4 aufeinander folgenden NLC-Nächte fielen auf das Wochenende, was wohl ebenso wie die durchgehend guten Wetterbedingungen zum Beobachtungserfolg beitrug.
Der Begriff "Outbreak" für Zeitabschnitte, in denen in mehreren Nächten nacheinander z.T. auffällige NLCs auftreten, wurde offenbar erstmals von dem Astronomie-Journalisten Daniel Fischer während der Saison 2009 benutzt, ohne jenen näher zu definieren. Als "Outbreak" seien daher im Kontext dieses Webportals Phasen bezeichnet, in denen in mindestens 3 aufeinanderfolgenden Nächten NLCs beobachtet werden und in denen mindestens 2 Nächte helle oder sehr helle Displays (Helligkeit 4 oder 5) bringen.
Dank der Aufstellung von Sirko Molau lassen sich die Positionen der NLCs in den einzelnen Nächten rekonstruieren (Abb. 2 -5). In allen 4 Fällen reichten die NLC-Felder von Südschweden über die Ostsee bis nach Deutschland, wo sie zwischen 52 und 53 ihre Südbegrenzung fanden. Generell ist zu beachten, dass die Meldungen sich zumeist auf die maximale azimuthale Ausdehnung und die Höhe der Displays beziehen. Die Abbildungen geben daher im Wesentlichen nur die Oberkanten und somit die für den jeweiligen Beobachter maximal sichtbare Südausdehnung der NLCs wieder. Daraus ergibt sich, dass der tatsächlich von ihnen überdeckte Bereich noch wesentlich größer gewesen sein düfte. Deutlich wird das an den beiden sehr weit westlich bzw. nördlich liegenden Punkten in Abb. 4. Diese gehen auf die Höhenangabe 0 - 7 Grad von Sirko Molau aus Chemnitz zurück. Bei optimalen Bedingungen mögen NLCs vereinzelt bis zum Horizont sichtbar sein; zumeist versinken sie aber spätestens in etwa 1 Grad Höhe im Dunst. Aber selbst dann wäre die Ausdehnung des Feldes weitaus größer gewesen, als es die übrigen Angaben aus dieser Nacht (30.06./01.07.1995) vermuten lassen.
Die von Nacht zu Nacht recht beständige Lage der NLC-Felder bis weit nach Deutschland hinein lässt sich auf zweierlei Weise erklären. Zum einen könnte es sich um eine Phase mit durchgehend extremer Abkühlung der Mesosphäre und somit autochthoner NLC-Entstehung über Mitteleuropa gehandelt haben. Zum anderen ist auch eine über mehrere Tage hinweg anhaltende starke Südströmung in der Mesopause-Region denkbar, welche immer wieder kalte Luft und somit allochthon entstandene NLCs von Norden heranführte.
Hinsichtlich der registrierten Helligkeiten lässt sich eine deutlich Entwicklung verzeichnen:
28.06.1995, Abend: 1 - 2
29.06.1995, Morgen: 2
29.06.1995, Abend: 1 - 2
30.06.1995, Morgen: 1 - 2, später 4
30.06.1995, Abend: 4 - 2
01.07.1995, Morgen: 1 - 3
01.07.1995, Abend: 1
Wenig überraschend waren es die hellen Displays am Morgen und am Abend des 30.06.1995, welche die meiste Aufmerksamkeit erregten.
Positionsrekonstruktion der in der Nacht 28./29.06.1995 in Mitteleuropa beobachteten NLCs.
Abb. 2: Positionsrekonstruktion der in der Nacht 28./29.06.1995 in Mitteleuropa beobachteten NLCs.
Der eingezeichnete Beobachtungsort ist Potsdam.
Positionsrekonstruktion der in der Nacht 29./30.06.1995 in Mitteleuropa beobachteten NLCs.
Abb. 3: Positionsrekonstruktion der in der Nacht 29./30.06.1995 in Mitteleuropa beobachteten NLCs.
Der eingezeichnete Beobachtungsort ist Potsdam.
Positionsrekonstruktion der in der Nacht 30.06./01.07.1995 in Mitteleuropa beobachteten NLCs.
Abb. 4: Positionsrekonstruktion der in der Nacht 30.06./01.07.1995 in Mitteleuropa beobachteten NLCs.
Der eingezeichnete Beobachtungsort ist Potsdam.
Positionsrekonstruktion der in der Nacht 01./02.07.1995 in Mitteleuropa beobachteten NLCs.
Abb. 5: Positionsrekonstruktion der in der Nacht 01./02.07.1995 in Mitteleuropa beobachteten NLCs.
Der eingezeichnete Beobachtungsort ist Potsdam.
Der NLC-Ausbruch ist nicht nur durch die Übersicht von Sirko Molau, sondern auch durch mehrere Publikationen (Anonymus 1995, Kaiser 1995a & b, Molau 1995, Röttler 1995) sowie einige online verfügbare Fotos gut dokumentiert:
- 29.06.1995, Abend: Mario Lehwald
- 30.06.1995, Morgen: Karl Kaiser
- 30.06.1995, Abend: Sirko Molau, Olaf Squarra
Besondere Bedeutung gewann der Morgen des 30.06.1995, da er - fast genau 110 Jahre nach der Entdeckung der Leuchtenden Nachtwolken - den ersten Nachweis aus Österreich brachte. Karl Kaiser sichtete sie eher zufällig beim (erfolgreichen) Versuch, die Mitternachtsdämmerung vom Moldaublick aus nachzuweisen (Bericht, Fotos). Zuvor hatten bereits andere mehr oder weniger systematisch und stets vergeblich in Österreich nach NLCs Ausschau gehalten. Soweit bekannt hat es vor 1995 in Mitteleuropa lediglich einmal eine südlichere Beobachtung von NLCs gegeben, nämlich am 04./05.07.1981 bei Basel. Dies könnte an der bis Mitte der 1990er-Jahre extrem geringen Beobachterdichte gelegen haben, mag aber auch ein Indiz dafür sein, dass NLCs in den letzten Jahrzehnten zunehmend weiter südlich auftreten.

Literatur
Anonymus (1995): NLC-Farbbeilage. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 11/1995.
Gavine, David (2000): Noctilucent Clouds over Britain and Western Europe, 1995-1997. J.Br. Astron. Assoc. 110 (4), 218-220.
Kaiser, Karl (1995a): Helle Sommernacht in Österreich mit Überraschung. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 8/1995, 15-16.
Kaiser, Karl (1995b): Leuchtende Nachtwolke von Österreich aus beobachtet. Sterne und Weltraum 12/1995, 922.
Molau, Sirko (1995): NLC am Abend des 30.6.1995 Chemnitz. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 8/1995, 16.
Kosalla, Frank (1995): Leuchtende Nachtwolken. Sterne und Weltraum 6/1995, 477-481.
Rendtel, Jürgen (1995a): NLC 1994 - Programm für 1995. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 5/1995, 7.
Rendtel, Jürgen (1995b): Leuchtende Nachtwolken. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 6/1995, 12.
Rendtel, Jürgen (1995c): Leuchtende Nachtwolken im Mai und Juni 1995. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 7/1995, 14-15
Rendtel, Jürgen (1995d): Leuchtende Nachtwolken im Juni und Juli 1995. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 8/1995, 14-15.
Rendtel, Jürgen (1995e): Leuchtende Nachtwolken im Juli und August 1995. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 9/1995, 11-12.
Rendtel, Jürgen (1995f): Leuchtende Nachtwolken im August 1995. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 10/1995, 13.
Rendtel, Jürgen (1995g): Leuchtende Nachtwolken 1995 - eine erste Zusammenfassung. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 11/1995, 17-18.
Röttler, Günter (1995): Leuchtende Nachtwolken im Sauerland. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 8/1995, 16.
Schlegel, Kristian (1995): Mesosphäre und Leuchtende Nachtwolken. Mitteilungen des Arbeitskreises Meteore 5/1995, 5-7.